So heiß

VDMA

Auf der Mitgliederversammlung des Forum Glastechnik in Magdeburg am 17. und 18. Oktober ging es zunächst heiß her. Das Unternehmen f |glass GmbH hatte die Teilnehmer eingeladen, seine Produktionsstätte in Sülzetal zu besichtigen.

Die Herstellung von Flachglas im industriellen Maßstab begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit einem senkrechten Ziehverfahren, benannt nach seinen Erfindern Émile Forcault und Émile Gobbe. 1959 gelang der Pilkington Brothers Ltd. der Sprung zur großindustriellen Fertigung mit einer Weiterentwicklung – dem Floatglasverfahren. Das schmelzflüssige Glas fließt über einen Lippenstein auf ein Zinnbad auf, schwimmt dort auf der Oberfläche und breitet sich aus. Durch die Oberflächenspannungen der Glasschmelze und des flüssigen Zinns und der daraus resultierenden Grenzflächenspannung bildet sich ein planparalleles Glasband mit einer Gleichgewichtsdicke von etwa 7 mm aus. Verformt man das Glasband entsprechend, kann dünneres oder dickeres Glas hergestellt werden. Dieses Prinzip bestimmt bis heute die Herstellung.

AGC f |glass kombiniert das Verfahren mit modernster Technologie entlang der kompletten Produktionslinie. Eine Abgas-Reinigungsanlage sorgt dafür, dass Emissionsgrenzwerte sicher eingehalten werden. Der Filterstaub wird recycelt und als Rohstoff der Glasschmelze zugeführt. Eine 1 Megawatt-Photovoltaikanlage auf den Dachflächen der Produktionshallen erzeugt nicht-fossile Energie und verbessert damit die Klimabilanz. Das Unternehmen kann sogar ein angrenzendes Gewächshaus mit zusätzlicher Energie versorgen.

Das Unternehmen stellt nicht nur Floatglas her, es verarbeitet das Glas auch teilweise weiter. So steht eine PVD-Anlage zur Beschichtung zur Verfügung und auch Sicherheitsglas kann vor Ort hergestellt werden.

Qualität, Umweltschutz und Energiemanagement stehen für die Firma an erster Stelle. Das belegen die entsprechenden Zertifizierungen. Sicherheit wird großgeschrieben. Das spürte man in jedem Moment des Rundgangs. 

Added value als Schlüssel zum Erfolg
Am zweiten Tag ging es dann neben Themen, die die Mitgliedschaft und die Aktivitäten des Forum Glastechnik betrafen, um Technik, Konjunktur und Marktchancen. Dr. Marc Foguenne, Head of AGC Technovation Center, zeigte in seinem Impulsvortrag, dass die Nachfrage nach Glas insbesondere durch zusätzliche Funktionalitäten und Veredelung ansteigen wird. Die größten Potenziale liegen nach Ansicht des Spezialisten bei der Energieeinsparung und digitalen Vernetzung (Konnektivität). Bis 2050 werden
75 % der Weltbevölkerung in Städten leben. Die Gebäude der Zukunft sind multifunktional und nachhaltig. Fassadensysteme können dazu dienen, elektrische Energie zu erzeugen. Oder sie werden als Träger von Antennen genutzt, um eine flächendeckende Abdeckung des 5G-Netzes zu gewährleisten. Nicht sichtbare Solarzellen sind ebenso möglich wie ein spezielles Vakuum-Glas, das eine Heizung in vielen Bereichen überflüssig machen kann. Bei einer Außentemperatur von 0 °C und vergleichbaren Bedingungen beträgt die Scheibentemperatur im Raum bei einfacher Verglasung 6 °C, bei Doppelverglasung ohne Argon 13 °C, mit Argon im Zwischenraum 17 °C, bei Dreifachverglasung mit Argon 18 °C und bei Doppelverglasung mit einem Vakuum zwischen den Scheiben 19 °C. Wärmeleitung in einem Medium und Konvektion im Scheibenzwischenraum sind damit als Mechanismen für Wärmeübertragung nach innen oder außen ausgeschlossen.

Ausblick 2020
Insgesamt war die Stimmung der Teilnehmer mit Blick auf die Nachfrage im kommenden Jahr verhalten optimistisch. Dieses Jahr erwarten sie für Europa deutliche Verluste, dagegen Zuwächse in Asien, Afrika und Australien/Ozeanien. Für China sind die Erwartungen eher niedrig, da es dort noch immer Überkapazitäten gibt. Technische Entwicklungen und digitale Projekte erfordern neue Maschinen, das sehen die Hersteller als Chance. Innovationsbereitschaft gilt als aktuell wichtigstes Kriterium des zukünftigen Erfolgs. Dabei steht die Energieeffizienz der Maschinen im Vordergrund. Aufgrund zunehmender Vernetzung wird es mehr Kooperationen geben.

Eine große Herausforderung stellen die Anforderungen der EU bezüglich der zeitweisen Beschäftigung von Mitarbeitern im europäischen Ausland dar, zum Beispiel auf Montageeinsätzen oder Messen. Der hohe bürokratische Aufwand belastet gerade die kleineren Unternehmen. Darin war man sich einig.

Einen Grund zur Beunruhigung sahen die VDMA-Mitglieder beim Vorhaben Chinas, das Social Scoring eventuell auf Unternehmen auszuweiten.

Die nächste Mitgliederversammlung des Forum Glastechnik findet am 26. und 27. November 2020 statt.

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Das Unternehmen f |glass GmbH hatte die Teilnehmer eingeladen, seine Produktionsstätte in Sülzetal zu besichtigen.